Weg mit der Amtsverschwiegenheit – und zwar rasch!

Persönliche Erfahrungen sind oft erhellender als so manches Theoretisieren. Also gleich in medias res.
Einige von Euch wissen wahrscheinlich, dass ich die letzten Jahre meines Berufslebens beim Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) in der Semmelweisklinik verbracht habe. Dort war ich vom Generaldirektor mit der Aufgabe betraut, Wahlhebammengeburten zu evaluieren. Der Gedanke dahinter war, Basisdaten zu erheben und – falls diese erfolgversprechend wären - die Evaluation weiterzuführen und die Ergebnisse im neuen Krankenhaus Nord zu implementieren.

Ein paar Sätze noch zu Wahlhebammengeburten: dabei nehmen sich Frauen – auf eigene Kosten (NB: finde ich nicht richtig) eine persönliche Hebamme zur Geburt mit. Die Betreuung dieser Hebamme erstreckt sich über den letzten Teil der Schwangerschaft, der Geburt und dann im Wochenbett. Meine Hypothese war, dass im Wesentlichen dasselbe rauskommen wird, wie auch sonst, wo derartige Betreuungsmodelle angewandt werden und untersucht worden sind: höhere Zufriedenheit der betroffenen Frauen, weniger medizinische Interventionen, insbesondere weniger Kaiserschnitte, höhere Stillraten etc..
Über die Ergebnisse darf ich nicht berichten, weil ich zur Verschwiegenheit verpflichtet bin und zwar über mein Ausscheiden aus den Diensten des KAV hinaus. Anfragen von außen an die Klinikleitung dazu wurden abgewehrt: das Papier sei nur zum internen Gebrauch gedacht.

Die Klinikleitung weiß schon warum: es könnten unangenehme Fragen gestellt werden! Immerhin wurde auf hochseriöse Weise ein Kollektiv von Frauen, die in wesentlichen soziologischen Merkmalen mit einemanderem Kollektiv verglichen: der einzige Unterschied: die eine Gruppe an hat mit einer Wahlhebamme geboren und die andere nicht, sondern in der üblichen Klinikroutine.

Schon bei den Formulierungen im Endbericht gab es Konflikte mit der Klinikleitung, so dass ich auf meine Mitwirkung bei der Zusammenfassung verzichtet habe. Nur ein allgemeines Statement hat mich nicht interessiert, die Schlussfolgerungen erschienen mir mindestens so wichtig. Es hat jedenfalls damit geendet, dass ich mit den Worten: “Das fehlte mir gerade noch, dass der Gemeinderat beschließt, wir müssen das machen!“, abgekanzelt wurde. Ja, genau das wäre es meiner Meinung nach gewesen! Per Auftrag des Gemeinderates ein sinnvolles Vorgehen zu fördern und daher zu fordern.

Aber meine Meinung ist das eine und das Wollen der politischen Entscheidungsträger das andere. Wenn die Politik der Meinung ist, dass ihr die Ergebnisse egal sind, dann hat sie die Macht dazu. Aber sie sollte sich rechtfertigen müssen.
Die Evaluation auf den Tisch, dann sagt die Politik, ja, ganz schön und interessant, aber wir machen das nicht, weil …..! Und die Menschen, die Wählerinnen und Wähler bekommen die Chance das Vorgehen der Politik zu qualifizieren. Aber in der Schublade verschwinden lassen und in Kürze ist es vergessen, das gefällt mir nicht.

One Response to Weg mit der Amtsverschwiegenheit – und zwar rasch!

  1. Jan Otto sagt:

    »Aber in der Schublade verschwinden lassen und in Kürze ist es vergessen, das gefällt mir nicht.«

    Nun, die Politik hat die Macht – und damit auch die Macht zur Verschwiegenheit. Ist als Bürger nicht zu verstehen. Denn ist die Politik nicht für uns da?

    Das scheinen die Damen und Herren wohl vergessen zu haben und glauben, sie können sich das Leben bequem einrichten unter ihresgleichen.

    Manchmal spricht sogar die glatte Arroganz aus ihren Worten, so wie kürzlich die des Wirtschaftsministers von Deutschland, Sigmar Gabriel, dem man eine Liste mit einer knappen halben Million Unterschriften überreichte, die sich gegen das Freihandelsabkommen mit den USA aussprachen. Seine Worte: »Wie kann man gegen etwas sein, das noch gar nicht beschlossen ist?«

    Wann denn dann? Wenn es denn beschlossen ist, dürfte es wohl bereits zu spät sein.

    Allerdings darf man aufatmen, denn er hat sich später immerhin dafür ausgesprochen, dass die Verhandlungen aus dem geheimen Kämmerlein ans Licht der Öffentlichkeit kommen und glasklar gemacht werden sollen. Kann man nur hoffen, dass es kommt, und dies wünsche ich auch Ihnen, sehr geehrter Herr Dr. Adam, mit Ihrem Anliegen. Die Bürger sollten darauf ein Anrecht haben.

    Gruß
    Jan Otto