Mammographie – ein kleines Ratespiel

Bevor geneigte LeserInnen sich darüber mokieren, dass ich mit so einem wichtigen Thema spiele, erlaube ich mir um ein paar Minuten Aufmerksamkeit zu bitten. Dann ist Aufregen erlaubt –so man das dann noch will.

Also:

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau mit einem auffälligen Brustkrebsscreening1) tatsächlich Brustkrebs hat2). Na, was glauben Sie: 50 – 60 %? Dann sind Sie in guter Gesellschaft. Das glauben die meisten Menschen, egal ob Arzt oder medizinischer Laie. Und – anhalten – jetzt die Wahrheit: 10 Prozent!

Na gut, könnte man sagen, macht nichts, aber dafür haben die 10 Prozent einen Nutzen. Ja könnte man, aber man sollte nicht vergessen, auch gar nicht so selten ein operativer Eingriff nötig ist, bis die Frau weiß, dass sie nichts hat. Jetzt ging es um die falsch positiven Befunde. Man könnte also sagen, das ist schon akzeptabel, wäre da nicht die andere Seite.

Die andere Seite: Da gehen Frauen zur Mammographie und glauben die Gewissheit zu haben, dass sollten sie Brustkrebs haben, der auch gefunden wird. Naja.

Es gibt noch andere Zahlenspielereien, die lasse ich aber. Erstens sind sie ähnlich arg und zweitens haben sie wenig Neuigkeitswert. Aber bei Interesse, lesen Sie die Literatur , die unter 3) und 4) angeführt ist.

Jetzt zurück zum Anfang: hätten Sie halbwegs richtig geschätzt? Und finden Sie es unangemessen, daraus ein Ratespiel zu machen?

1) Screening. Unter einem Screening versteht man eine Untersuchung, bei der eine bestimmte Untersuchung ohne jedes Symptom oder Vorgeschichte durchgeführt wird. Grundlage ist ausschließlich ein bestimmtes Alter.
2) Interview mit Gerald Gartlehner, Gerald Gartlehner leitet das Department für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie an der Donau-Uni Krems. 2011 habilitierte er sich in Epidemiologie an der Med-Uni Wien, seit 2012 ist er stellvertretender Direktor des RTI UNC Evidence-based Practice Center. Seit Dezember 2010 ist er Direktor der zugleich eingerichteten österreichischen Cochrane-Zweigstelle; http://diepresse.com/home/science/4673825/Viele-statistische-Analphabeten-in-der-Medizin
3) I. Mühlhauser, B.Höldke · Universität Hamburg,
IGTW-Gesundheit, Information zum Mammographiescreening – vom Trugschluss zur Ent-Täuschung;

https://www.google.com/search?q=mammographie+falsch+negativ&ie=utf-8&oe=utf-8

Ulrich Placzek, Mammografie-Screening: ineffektiv oder zukunftsfähig? Der frauenarzt, Juni 2014

Und jetzt noch Ergänzendes:

- Allen Früherkennungsprogrammen ist gleich, dass die Vorabaufklärung der Frauen über Nutzen und Schaden verpflichtend ist. Nach meinen Erfahrungen erfolgt sie nicht.
- Fast immer wird statt Früherkennung das Wort Brustkrebsvorsorge benützt. Das ist besonders infam: Vorsorge = Reduktion der Brustkrebswahrscheinlichkeit kann sein: Nicht-Raucnen, Reduktion von Fleisch, Bewegung. Besonders wirkungsvoll ist langes Stillen: 24 Monate kumuliertes Stillen bedeutet minus 50 % Brustkrebs!
- Und weil es so gut passt, noch das nachfolgende Dokument (http://www.ebm-netzwerk.de/aktuelles/news2014-05-08/).

Das kollektive Schweigen zum Mammographie-Screening
Mammographie-Screening-Programme sollen gestoppt werden, empfiehlt das Swiss Medical Board (1), ein Schweizer Expertengremium aus Medizin, Ethik, Recht und Ökonomie, in einer aktuellen Ausgabe des führenden Wissenschaftsjournals The New England Journal of Medicine (2). Eine überfällige Aufforderung sei dies, eine ernsthafte öffentliche Diskussion zu beginnen, so kommentieren Ingrid Mühlhauser und Gabriele Meyer vom Deutschen Netzwerk für evidenzbasierte Medizin e.V. (DNEbM). Zu beunruhigend seien die wissenschaftlichen Ergebnisse aus den letzten Jahren, die einen Nutzen des Mammographie-Screenings in Frage stellen und den bisher unterschätzten Schaden des Screenings deutlich machen. Auch der Hauptredner der gut besuchten Jahrestagung des DNEbM (3), Peter Gøtzsche, forderte in seinem Plenarvortrag „Why Mammography screening should be stopped” ein Ende des Mammographie-Screenings. Der Schaden an gesunden Frauen durch Überdiagnosen und Übertherapien sei nicht länger hinnehmbar. Vertreter der Medien und politischer Gremien waren bei der Tagung in Halle (Saale) präsent: „Aber richtiges Medienecho oder Reaktionen auf politischer Seite seien bisher ausgeblieben“, konstatiert die DNEbM-Vorsitzende Gabriele Meyer.

Nutzen und Schaden werden falsch eingeschätzt
Die Gründe für das kollektive Schweigen in Deutschland sind vielfältig. „Eine Hauptursache liegt jedoch in den immer noch vorherrschenden Fehleinschätzungen und Trugschlüssen der Bevölkerung zum Nutzen und Schaden des Mammographie-Screenings“, so Ingrid Mühlhauser, Sprecherin des DNEbM Fachbereichs für Patienteninformation. Aktuelle Untersuchungen bestätigen, dass Frauen in Deutschland den Nutzen des Screenings massiv überschätzen und den Schaden teils gar nicht kennen oder deutlich unterschätzen (4). Die Informationsprozesse im deutschen Screening-Programm sind nicht geeignet den Frauen informierte Entscheidungen zu ermöglichen. Immer noch würden die rosa Schleifen die Meinungsbildung dominieren anstatt ausgewogene und verständliche Information, resümiert Gerd Gigerenzer, Leiter des Max-Planck Instituts für Bildungsforschung in Berlin, in der aktuellen Ausgabe des British Medical Journal. Er fordert daher Frauen und Frauenorganisationen auf, die rosa Schleifen zu zerreißen und stattdessen sich in Kampagnen für ehrliche Informationen zum Mammographie-Screening einzusetzen (5). Das DNEbM will nicht nur die Zivilcourage gestärkt sehen, sondern appelliert nachdrücklich an die gesundheitspolitischen Entscheidungsträger: „Wir brauchen einen öffentlichen Diskurs über eine Neubewertung des Nutzens und Schadens des Mammographie-Screenings. Bürgerinnen (und auch Bürger) in diesem Land haben das Recht, verständlich und nachvollziehbar über die zu erwartenden Effekte des Screenings informiert zu werden und auch natürlich über die Gründe, das Screening weiterzuführen oder aber ggf. einzustellen. Auch die Kostenimplikationen des Programms sind offen zu legen“, das ist das Fazit der zwei DNEbM-Vertreterinnen.

Referenzen
1) Swiss Medical Board: Systematisches Mammographie-Screening. http://www.medical-board.ch/fileadmin/docs/public/mb/Fachberichte/2013-12-15_Bericht_Mammographie_Final_rev.pdf
2) Biller-Andorno N, Jüni P: Abolishing mammography screening programs? A view from the Swiss Medical Board. N Engl J Med 2014: Apr 16 [Epub ahead of print]
3) Deutsches Netzwerk für evidenzbasierte Medizin: 15. Jahrestagung des DNEbM 2014. http://www.ebm-netzwerk.de/was-wir-tun/jahrestagungen/2014
4) Dierks ML, Schmacke N: Mammografie-Screening und informierte Entscheidung – mehr Fragen als Antworten. Gesundheitsmonitor 1/2014. Newsletter. http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xbcr/SID-35C1977B-FE483367/bst/xcms_bst_dms_39349_39350_2.pdf
5) Gigerenzer G: Breast cancer screening pamphlets mislead women. BMJ 2014; 348: g2636

Ansprechpartnerin
Prof. Dr. Gabriele Meyer
Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V.
Geschäftsstelle
Kuno-Fischer-Straße 8
14057 Berlin
E-Mail: kontakt@ebm-netzwerk.de

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