EBM und die Wirklichkeit

Was ist EBM? EBM steht für Evidence Based Medicine, was bedeutet, das Medizin aufgrund naturwissenschaftlicher Beweise = Evidenz ausgeübt wird. Als Gegenpol wird die so genannte Eminence Based Medicine gesehen: eine mächtige, meist überdurchschnittlich intelligente Person = Eminenz hat zu einer bestimmten Frage eine Meinung und der wird gefolgt / muss gefolgt werden. Einige Beispiele gefällig?

Zwei möchte ich hier darstellen und, so es passt, später andere.

Beispiel 1: Geburtspositionen

Lässt man gebärenden Frauen ihren Willen, so haben die meisten einen ausgesprochnen Bewegungsdrang und für den eigentlichen Geburtsalt wollten sie lange Zeit stehen, hocken oder sitzen, also in irgendeiner Form in einer aufrechten Position sein. Als ich meine ersten Kontakte mit Gebärenden in der 2. Hälfte der 1970er Jahre hatte, lagen alle, a-l-l-e am Rücken und wurden von bemühten Hebammen und ÄrztInnen in der so genannten Austreibungsphase, also jenem letzten abschließenden Prozess, bei dem das Baby im wahrsten Sonn des Wortes das Licht der Welt erblickt, zu möglichst kräftigem Pressen angefeuert. Und zu guter letzt wurde noch ein so genannter Scheiden-Damm Schnitte (Episiotomie) durchgeführt: das wird übrigens das Beispiel 2 werden.
Nun erscheint es an sich logisch, dass aufrechte Positionen auch die Schwerkraft ausnützen und die Rückenlage in erster Linie den Betreuenden zugute kommt, weil sie sich nicht bücken, auf die Knie gehen oder sonst wie an die Situation anpassen müssen. Aber das sind Gedanken und keine naturwissenschaftlichen Beweise, weil die BefürworterInnen der Rückenlage legten gut nachvollziehbar dar, dass der perfekte Einblick und bei Bedarf Zugriff wichtiger wären. Das Argument hat auch was. Und besonders Kluge und noch einige Zeit Überzeugende argumentierten mit der Evolution: bei den Naturvölkern hätte das schon gepasst: die hätten alles im Hocken gemacht und eben auch geboren.

Spätestens 1985 hätte es damit Schluss sein müssen. In diesem Jahr erschien nämlich das Buch Die Gebärhaltung der Frau. Schwangerschaft und Geburt aus geschichtlicher, völkerkundlicher und medizinischer Sicht (Marseille Verlag) von Liselotte Kuntner einer Schweizer Physiotherapeutin. Sie legte umfassend und nachvollziehbar die Vorteile aufrechter Geburtspositionen dar – und zwar egal, ob eine Frau Angehörige eines Naturvolkes war oder Mitteleuropäerin.

An ab diesem Tag habe ich bei jeder Geburt, bei der ich anwesend war, Frauen dazu motiviert, aufrecht zu gebären. Und wenn sie es unbedingt wollte, dann durfte sie auch am Rücken liegen – aber das wollten nur 2%! Die meisten haben auf einem Geburtshocker geboren (deren es mittlerweile zahlreiche verschiedene Modelle gibt). Aber das erfordert viel guten Willen der BetreuerInnen und ich gebe zu, dass ich auch noch keine Antwort darauf gefunden habe, wie die Bedürfnisse der professionellen BetreuerInnen erfüllt werden, wenn sie im Laufe Ihres Lebens schwerer werden und / oder Bücken und Aufstehen mühsamer werden. Aber das sind sekundäre Fragen, wenn die grundsätzliche klar ist.

1. Aufrechte Positionen sind besser als die Rückenlage.
2. Sie helfen Scheiden-Damm Schnitte und operative Geburten (Saugglocken-, Zangen- und Kaiserschnittgeburten) zu reduzieren.

Oder: wie es damals manche mit Humor formuliert haben: die Rückenlage ist die dümmste Geburtsposition nach der Bauchlage. Und weil ich auch damals schon immer was ergänzen musste: auch Geburt im Handstand bzw. am Trapez sind dümmer, aber da ließe sich wohl noch einiges ergänzen ….

Sorry, comments are closed for this post.